Irak: Uranmunition – das strahlende Vermächtnis

Gruß an alle Soldaten. Soldaten sind Verbrecher.

Im letzten Irak-Krieg verschossen die Alliierten hunderte von Tonnen uranhaltiger Munition. Die panzerbrechende Waffe wirkt noch nach Jahren. Um Basra, im Süden des Landes, beträgt die Strahlenbelastung nach Messungen unabhängiger Experten das 20fache des Normalwertes. Vor allem Kinder, die auf den irakischen Panzerwracks spielen, erkranken. Die Zahl der Missbildungen bei Neugeborenen nimmt zu. Eine Reportage über die Spätfolgen des Krieges von Thomas Aders, ARD Kairo.

Pro Grab ein halber Quadratmeter, mehr braucht man nicht für die kleinen Körper. Der Kinderfriedhof von Basra – auch Plastikblumen spenden kaum Trost. Das liebevolle Grab von Abdallah ist eine Ausnahme, gestorben am 3. Januar, neun Monate alt, seine Speiseröhre war deformiert. Die Eheleute Rahim betrauern ihren jüngsten Sohn, und gleichzeitig haben sie Angst um Abbas und Khalid. Die Ärzte sagen, auch sie sind verstrahlt. „Früher kannten wir Diabetes, oder Bluthochdruck – aber doch nicht solche Krankheiten!“ klagt der Vater von Abdallah. „Diese verdammten Kriege sind schuld. Das sind doch Kinder, und die haben noch kein Immunsystem!“

Nebenan wird ein frisches Grab ausgehoben, fast schon auf dem Gehweg, der Platz wird knapp. Drei Generationen von Totengräbern: Großvater Askar, Sohn Amir und Enkel Karim. Umgerechnet zwischen 30 und 50 Euro verlangen die Privatunternehmer für eine letzte Ruhestätte, im Irak ist das sehr viel Geld. Das Notizbuch füllt sich mit Namen, Daten, ungefähren Lagebeschreibungen. Und manchmal auch mit persönlichen Bemerkungen. Zehn Jahre nach dem Irakkrieg werden immer mehr missgebildete Kinder beerdigt. Das macht selbst Totengräber sprachlos. „Manchmal beerdigen wir Kinder mit vier Händen, oder mit dreien. Manchmal haben die Körper zwei Köpfe. Es gibt jede Art von Missbildung, die man sich vorstellen kann. Manchmal ist der Kopf völlig deformiert, und die Augen liegen nicht vorn, sondern oben.“

Visite in den Kinderkrankenhäusern von Basra – die Betten auf allen Stationen sind belegt, die Zahl der Krebsfälle ist in den vergangenen zehn Jahren drastisch angestiegen. Gehirntumore, Knochenkrebs, körperliche Missbildungen und immer wieder: Blutkrebs. 1200 junge Patienten in der staatlichen Kinderklinik leiden unter Leukämie, die Überlebenschance beträgt 50 Prozent. Visite bei dem 16-jährigen Karar – obwohl er immer häufiger Transfusionen bekommt, verschlechtern sich seine Blutwerte. Am ganzen Körper haben sich Hämatome gebildet. „Vor 1990 hatten wir etwa 15 neue Leukämiefälle pro Jahr, diese Zahlen sind nach dem ersten Golfkrieg deutlich angestiegen, und nach dem Irakkrieg 2003 bis heute haben wir Rekordwerte von bis zu 200 neuen Fällen pro Jahr“, erklärt die Onkologin Dr. Jenan Ghalib Hassan.

Kinder in Falluja, Bagdad und wie hier in Basra: Opfer des Irakkrieges, noch heute. Amerikaner und Briten, die damals Uranmunition eingesetzt hatten, leugnen jeden Zusammenhang zwischen erhöhter Strahlung und der Zunahme von Krebs. Doch die Ärzte lassen die Fakten für sich sprechen: Erstens die hohe Anzahl von jungen Krebspatienten, zweitens die häufigen Todesfälle, und drittens die extreme Zunahme von Missbildungen. Manchmal schießen selbst die Ärzte ein Foto zu Dokumentationszwecken, wie bei diesem Kind mit Wasserkopf. „Solche Fälle sind eindeutig auf den Einsatz von Uranmunition zurückzuführen“ sagt der Neurochirurg Mahmood Swady. „Die Krankheiten dieser Kinder sind eine Folge der Kriege im Irak. Solche Patienten kommen täglich zu uns, speziell nach dem letzten Irakkrieg.“

Hier auf den Wüstenflächen um Basra herum hatten die Kämpfe getobt, damals im März 2003. Die Koalition der Willigen hatte zwischen ein- und zweitausend Tonnen uranhaltige, panzerbrechende Munition eingesetzt – gegen das Militär von Saddam Hussein. Hajak Frawel ist Strahlenexperte und arbeitet im Auftrag des Gesundheitsministeriums. Die drittgrößte Stadt des Irak ist heute fast vollständig gesäubert von radioaktivem Kriegsmaterial, doch noch immer werden sie fündig. Heute ist Hajaks Team unterwegs im Industriegebiet Hamdan, südlich des Stadtzentrums. Schutzkleidung ist Standard, die Experten wollen nicht selbst zu Strahlenopfern werden. Noch immer zeugen Geschosse und Granaten von den Kämpfen, die hier getobt haben. Die Grundstrahlung beträgt zwischen acht und elf Mikro-Rem, das ist gesundheitlich unbedenklich. Nebenan klauben Schrotthändler an Stahl zusammen, was sie verkaufen können, von Uran haben sie noch nie etwas gehört. Dann untersuchen die Experten einen Panzer, Hauptziel der besonders schweren Uranmunition, die durch Stahl hindurchgeht – fast wie ein Messer durch Butter. Der Geigerzähler rattert plötzlich los… „Hier sind es über 1800 Mikro-Rem“, sagt der Strahlenexperte Hajak Frawel, „also das ist ein Wert, der 180 Mal höher liegt als die natürliche Belastung.“

In der Praxis des Neurochirurgen Dr. Mahmood: Wie jede Woche wird der fünf Monate alte Jussouf Hussein Ali behandelt: aus seinem Wasserkopf zieht der Arzt eine Spritze mit Flüssigkeit nach der anderen heraus, um den Druck zu senken, insgesamt 50 Milliliter. Eine Prozedur, die wir nicht filmen wollen. Von der Brust abwärts gelähmt ist der Junge, die Füße sind verwachsen, der Rücken ist offen, und das sind nur die sichtbaren Symptome. Mehrere innere Organe sind geschädigt. Durch das krankhafte Wachstum des Kopfes ist das Gehirn des Strahlenopfers auf die Größe einer Zitrone geschrumpft. „Solche Kinder zu sehen, das ist … eigentlich unbeschreiblich. Die Behörden liefern zwar Medikamente an die Kliniken, aber bei Kindern wie unserem Jussouf hier verweigern sie jede Hilfe. Man müsste ihn dringend in eine Spezialklinik bringen, ins Ausland, wo man ihm besser helfen kann. Doch die Behörden sagen schlicht und einfach: Nein, solche Fälle sind hoffnungslos.“ Und dann fügt er leise noch einen Satz hinzu: „Aber es ist doch eine Frage der Menschlichkeit!“

Letzter Besuch vor unserer Abreise auf dem Kinderfriedhof von Basra. Beerdigungen ohne Unterbrechung. Persönliche Tragödien, menschliche Schicksale spielen sich im Halbstundentakt ab, bis zur Mittagszeit sind sechs Kinder begraben worden. Auch die Familie Razak ist hierhergekommen, ihre neugeborene Tochter Atjaf ist in der Nacht gestorben. „Nirgendwo finden wir einen Platz für ein Grab“, klagen die beiden, „wir suchen schon die ganze Zeit“. Schließlich finden sie dann doch noch einen winzigen Flecken. In fünf Minuten ist das Grab ausgehoben und Atjaf kann beerdigt werden. Sie starb durch Atemstillstand nach Herz-Kreislaufversagen. Sie wurde drei Tage alt. Damit gehört das Mädchen schon in die Gruppe der Älteren. Die meisten sterben gleich bei der Geburt.

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 03.02.2013. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

Quelle: DasErste.de – Irak: Uranmunition – das strahlende Vermächtnis

2 Gedanken zu “Irak: Uranmunition – das strahlende Vermächtnis

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