Wie wird man den Staat nun los? – FreiwilligFrei

Vielleicht bist du nicht ganz neu im Voluntarismus und denkst: „Ja, ja, ich hab´s ja verstanden: Der Staat ist unmoralisch, er ist uralt und unmodern, er nutzt uns aus und bevormundet uns. Nun sag´ mir doch mal einer, was kann ich denn jetzt dagegen tun?“

Eine Idee wäre eine bewaffnete Revolution. Diese Idee halte ich aus vielen Gründen für so schlecht, dass ich sie gar nicht behandeln will.

Deutlich abgemildert im Vergleich zur Revolution ist der Weg des zivilen Ungehorsams. Dabei verweigert man die Kooperation mit dem Staat und bricht gezielt einige seiner Regeln. Je nachdem, welche Ziele man damit verbindet (Wachrütteln Anderer, Selbstbehauptung), kann dieser Weg mal als erfolgreich, mal als weniger erfolgreich eingeschätzt werden.

Für das Ziel, das uns hier interessiert, nämlich die Abschaffung oder wenigstens Schwächung des Staates, ist dieser Weg meines Erachtens nicht erfolgversprechend. Die langfristige Entwicklungslinie, dass der Staat immer mehr Macht und Geld zur Verfügung hat, kann man damit nicht stoppen.

Es gibt auch den Weg des politischen Engagements. Dabei versucht man, für eine politische Partei soviele Wähler zu gewinnen, dass sie entweder entscheidende Veränderungen in der Organisation des Staates durchsetzen kann oder dass wenigstens immer mehr Leuten das Unrecht der Herrschaft durch Gewaltandrohung bewußt wird. Auch dieser Weg erscheint mir nicht erfolgversprechend. Man wird durch eine Bewegung, die auf politische Aktion und damit das Gewaltmonopol des Staates setzt, politische Aktion und das Gewaltmonopol in ihrem Anschein von Legitimation nicht erschüttern können.

Beide Wege, der des Ungehorsams und der politische, haben etwas gemeinsam. Sie zielen auf die Mächtigen, einmal durch Widerstand, das andere mal durch Unterwanderung. Ich werde in diesem Artikel argumentieren, dass die Mächtigen gar nicht das Problem sind. Das Problem sind die Bürger.

Der Staat hat kein Problem mit einem Forum, das die Unmoral des Staates oder seine gewaltfreie Auflösung diskutiert. Wer ein Problem damit hat, sind die Leute, mit denen man alltäglich zu tun hat: Arbeitskollegen, Bekannte, Familienmitglieder, Freunde.

Ich bin auf emotionalen Widerstand gestoßen, wann immer ich das Thema, dass der Staat ein Übel ist und sich eines Tages auflösen muss, angeschnitten habe. Dieser emotionale Widerstand maskierte sich manchmal mit Argumenten (Aber willst du denn wirklich, dass unversicherte Kranke sich selbst überlassen bleiben?), oftmals zeigte er sich aber mehr oder weniger deutlich in peinlichem Gelächter oder amüsiertem Gekicher, betretenem Schweigen oder einem ärgerlichen Wegwischen.

Wenn ich meine eigenen Erfahrungen und die anderer Voluntaristen zusammennehme, kann ich diese nur dadurch erklären, dass die große Mehrheit der Bevölkerung sich ein Leben ohne Staat nicht vorstellen kann. Typischerweise löst die Anregung, sich ein Leben ohne Staat einmal vorzustellen, Ängste aus. Diese Ängste können aber kaum besprochen werden, sondern äußern sich in dem beschriebenen emotionalen Widerstand. Eine vernünftige Diskussion ist dann in aller Regel nicht möglich.

Wie auch in unserem Video „Der Staat als Familie“ kurz beschrieben, werde ich hier die These vertreten, dass die meisten Bürger zu ihrem Staat ein Verhältnis haben wie ein Kind zu seinen Eltern. Der Staat ist für sie, wie früher die Eltern, das Fundament, auf dem sich das Leben abspielt. Sein Verschwinden ist genauso bedrohlich, wie es für sie als Kinder gewesen wäre, wenn die Eltern plötzlich verschwunden wären. Wenn ich mit meiner These richtig liege, würde daraus folgen, dass die meisten Bürger keine rationale, vernünftige, durchdachte Beziehung zum Staat haben, sondern eine emotionale Beziehung, die sie von ihren Eltern einfach auf den Staat übertragen haben.

Wenn das so ist, würde die Beziehung, die Bürger zu ihrem Staat haben, entscheidend dadurch geprägt, welche Beziehung sie zu ihren Eltern hatten und eventuell heute noch haben.

Wenn die Beziehung der Kinder zu ihren Eltern von Freiwilligkeit geprägt wäre; wenn Kinder nicht aus Pflicht- oder Schuldgefühl zu Familienfeiern kommen würden, sondern nur dann, wenn sie es als bereichernd und wunderbar erlebten; wenn Kritik an den Eltern ohne Angst vor Liebesverlust oder Streit oder Bestrafung geäußert werden könnte und ernst genommen werden würde; wenn die moralischen Fehltritte der Eltern in einer ehrlichen und offenen Atmosphäre besprochen werden könnten, dann wäre es für den Voluntaristen kein Problem, wenn Bürger ihre Beziehung zu ihren Eltern auf den Staat übertragen.

Leider ist es allzu oft anders: Kinder können ihren Eltern nicht sagen, wenn sie eine geplante Geburtstagsfeier langweilig finden; Kinder kommen nicht freiwillig zur Weihnachtsfeier, sondern aus einem vagen Pflicht- oder Schuldgefühl; Kinder haben Ängste vor Streit und Entzweiung, wenn sie Kritik an ihren Eltern üben oder gar moralische Fehltritte ansprechen. Diese Scheu, die eigenen Eltern sachlich zu bewerten, geht oftmals so weit, dass man sich diese Frage noch nicht einmal still für sich stellt.

Daher haben viele Bürger auch das vage Gefühl, man müsse beim Staat mitmachen, es sei für alle besser, wenn alle mitmachen; und den Staat in Frage zu stellen, verursacht ihnen ein unbehagliches Gefühl, das dafür sorgt, dass dieses heikle Thema möglichst bald verlassen wird.

In diesem Sinne ist der Staat nur ein Effekt der Familie. Wenn die Familienbeziehungen so unehrlich, subtil verpflichtend, nicht hinterfragbar und nicht wegzudenken bleiben, wird es für die meisten Bürger völlig normal sein, in einem Staat zu leben und regiert zu werden. Der Staat und das Regiertwerden werden die emotionale Legitimität erst verlieren, wenn Kinder von ihren Eltern in ihrer Individualität und ihren Bedürfnissen vollständig bejaht werden; wenn sie ohne Angst vor Liebesverlust, moralischem Sperrfeuer oder Bestrafung ihre Eltern auch kritisch sehen können; wenn Eltern die Abhängigkeit ihrer Kinder nicht mehr nutzen, um die Kinder zur Anpassung an die Vorstellungen der Eltern zu zwingen, sondern wenn Eltern sich nach den Entwicklungserfordernissen ihrer Kinder richten, damit eine gleichwürdige Beziehung zwischen abhängigem Kind und fürsorgendem Elternteil entstehen kann. Wenn dieses Elternschaftsmodell einen großen Anteil in der Bevölkerung einnimmt, dann wird der Staat wie ein Kruste über einer Schürfwunde von uns abfallen und sich für immer auflösen.

Es gibt nach dieser Analyse keine Abkürzung zur freiwilligen Gesellschaft. Wir wiederholen grundsätzlich das, was in unserer Kindheit normal war, und nur intensive Arbeit an sich selbst kann das später ändern. Die Mächtigen werden solange nach der Macht greifen, solange ihre Ausübung als normal gilt. Deshalb brauchen wir aus meiner Sicht noch mehrere Generationen Geduld, bis unsere Enkel vielleicht eine voluntaristische Gesellschaft erleben können. Große gesellschaftliche Veränderungen haben immer Zeit gebraucht, und für eine herrschaftsfreie Gesellschaft ist es derzeit noch viel zu früh.

Wenn du nun noch eine ganz praktische Anregung mitnehmen möchtest, dann empfehle ich dir: Setze dich mit deiner eigenen Kindheit, mit deinen Eltern auseinander, am besten mit der Hilfe eines Psychotherapeuten. In dieser Zeit wurde emotional geprägt, was du als normal empfindest und viele unbewußte Verhaltens- und Reaktionsmuster haben dort ihren Ursprung.

Sieh´ zu, dass du ein erfülltes, glückliches Leben auf die Beine stellst, in dem du mit Menschen zu tun hast, mit denen du offen über alles reden kannst, denen du dich so zeigen kannst, wie du wirklich bist und die du respektierst und liebst.

Quelle: Manuel Maggio, FreiwilligFrei | Webseite | Youtube | Facebook | Twitter

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2 Gedanken zu “Wie wird man den Staat nun los? – FreiwilligFrei

  1. Ja, gut beschrieben. Der Staat sind „wir“, wir sich eben auch die Beamten unter uns bewußt werden, was Recht und Gerechtigkeit konkret im Alltag heißt, wenn wir (auch die öffentlich angestellten) unser Denken auf eine reife menschliche (nicht geldgeile lobbyistische) Gesellschaft hin ändern, dann ist schon viel gewonnen. http://www.behoerdenstress.de ein ex Polizeibeamter entlarvt und weißt darauf hin: der Staat besteht aus Menschen, manche korrekt, andere korrupt, wer Korruption und Unrecht stehen läßt ist ein Staatsfeind (Bürgerfeind), wer Korruption und Unrecht anprangert (dazu bewußt ohne Haß nein sagt) ist ein wahrer Held.

  2. Best article you’ve posted so far. Very few „truth movement“ people offer any real solutions. You on the other hand have hit the nail on the head.

    „“The real source of the problem is the way we are treating our young. Because we often prefer to give them things to demonstrate our love for them, rather than actually express this love directly, our children grow up addicted to material possessions. Because we teach them wrong from right by withholding affection, they grow up needing rules and regulations, overly concerned with control and personal power. Because they don’t adequately experience affection, they grow up craving fame and adoration. And this is principally happening because we experienced the same conditioning when we were children ourselves.““

    http://www.wanttoknow.info/totalcontrol

    There is another man who has also recognized the true problem:
    Season of Treason

    The last 10 or 15 minutes he talks about „They“ are not the problem, „we“ are.

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